Textatelier
BLOG vom: 31.03.2015

Biberstein: Wie Aaraus Stadtpräsidentin ihr Netzwerk knüpft

Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Das jährliche Ritual von Vereinsgeneralversammlungen, bei denen alles unbestritten ist und Stimmenzähler vergebens auf ihren Einsatz warten, muss durch attraktive Zutaten über ein Schweinsfilet im Teig und das begleitende Gratin dauphinois hinaus aufgemotzt werden. Immerhin stand bei der Bürgerlichen Vereinigung Biberstein (BVB) die Suche nach einem Ersatz für den demnächst zurücktretenden Vizeammann Dr. Markus Siegrist auf dem Programm, welchletzterer der lokalen Exekutive über 21 Jahre lang angehörte, sozusagen als juristisches Gewissen, und demnächst auf den Lorbeeren, die er bei seinem Wirken für die Öffentlichkeit im Jurasüdfuss-Dörfchen einheimste, ausruhen will. Als Nachfolger schlägt die BVB den vorderhand noch bei der PricewaterhouseCoopers Aktiengesellschaft (PWC) tätigen Wirtschaftsprüfer Willy Wenger vor, der seine Talente nicht nur als Schulpfleger, sondern auch als BVB-Rechnungsrevisor zur Verfügung stellte. Die von Felix Isler betreute Kassenführung schloss 2014 mit einer Vermögenszunahme von 311 CHF auf 18 318 CHF ab – so sind sie eben, die Bibersteiner Dimensionen, lückenlos belegt. Jenseits von Millionen und Milliarden. Der Jahresbeitrag verharrte bei 25 CHF, wie seit etwa 20 Jahren. Die Versammlung wurde von Präsident Markus Schlienger mit Einschüben von Basler Humor angenehm geleitet.
 
Aarauer Netzwerke
In regionale Sphären hinauf entführte uns, die rund 25 Versammlungsteilnehmer, die Aarauer Stadtpräsidentin Jolanda Urech, die nach ihrem ersten Amtsjahr einen Einblick in ihr reich assortiertes Fadenkörbchen gewährte. Diese Metapher ist nicht zufällig gewählt. Denn sie brachte ein grobmaschiges Einkaufsnetz mit, wie man es vor dem Plastiktaschen-Zeitalter gern verwendet hatte. Die ehemalige Sekundarlehrerin, die im benachbarten Schönenwerd SO aufwuchs, offenbarte ihr Talent in Bezug auf allgemeinverständliche Darstellungen komplexer Sachverhalte. Selbst ich vermochte ihren Gedankengängen mühelos zu folgen.
 
Das luftige, dunkelbraune Netz, das sie dem Publikum vorzeigte, stehe für Zusammenhalt und Stabilität, und in ihrem Amt als Stadtpräsidentin wolle sie an diesem Netz weiterknüpfen, verdichtend und erweiternd. Innerhalb der Aarauer Stadtverwaltung betreut sie neben den sparsam eingesetzten Finanzen, um die es dort recht gut bestellt ist, das Personalwesen. Es umfasst 400 Vollstellen, in die sich rund 700 Personen teilen. Frau Urech macht sich mit den einzelnen Abteilungen und Einzelschicksalen an Ort und Stelle vertraut, bindet sie gewissermassen in ihr Netz ein. Der weiteren Netzwerkverdichtung dienen Besuche bei ortsansässigen Firmen, deren Philosophie und Anliegen sie kennenlernen möchte. Auch die Kontakte mit der Bevölkerung werden von ihr intensiv gepflegt – „ich bin eine Stadtpräsidentin für alle“, sagte die Sozialdemokratin. Den Leuten soll es in Aarau gefallen und gut gehen.
 
Starke Region
Und als ob das Netz weit nicht schon dicht genug wäre, gehört auch die weitere Region Aarau mit ihren 11 Gemeinden zu diesem Urech’schen Netzwerk. Die Agglomeration umfasst unter Einschluss der Aargauer Hauptstadt, in der die Fernsehserie „Der Bestatter“ spielt, rund 80 000 bis 100 000 Leute, die keine Friedhofstimmung verbreiten. Die Gemeinden arbeiten überall dort zusammen, wo es für beide Seiten von Vorteil ist, etwa bei der Feuerwehr, im Polizeiwesen, und die selbstständige Gemeinde Biberstein lässt seinen Wald durch das Aarauer Forstamt extensiv betreuen, um der Natur ihre Entwicklungschancen zu belassen. Man hat also sozusagen Bilaterale Verträge auf Gegenseitigkeit, die einen nicht ewig, sondern nur für die Vertragsdauer binden; man ist sektoriell angebunden, aber nicht definitiv eingebunden.
 
Die quirlige, zugängliche und sportlich wirkende Politikerin Urech strebt eine starke Region an, wobei – unausgesprochen – natürlich Aarau das zentrale Ereignis ist. Fusionen, wie mit der darbenden Nachbargemeinde Rohr geschehen, sind möglich und – wie ich vermute – aus Aarauer Sicht sehr erwünscht. Deshalb läuft auch das Projekt „Zukunftsraum“, über das ich bereits einen kritischen Erguss von mir gegeben habe: 23.09.2014: 9 Gemeinden sollen den Aarauer Grössenwahn unterstützen – meine ganz persönliche und damit unmassgebliche Meinung. Jedenfalls sollte sich der Bestatter einmal dieser Idee, die mein zartes Gemüt als Horrorvision empfindet, annehmen. Auch trendige Visionen liessen sich meiner Ansicht nach gegebenenfalls einäschern.
 
Noch ist es nicht so weit. Das Zeitalter der Globalisierung, der weltweiten Vereinheitlichung vom Klein- bis zum Grossräumigen, ist noch nicht überwunden. Deshalb ist das Kompetenzzentrum für Public Management (KPM) der Universität Bern an der Arbeit, die Möglichkeiten von Gemeindezusammenschlüssen mit ihren Vor- und Nachteilen zu evaluieren und gute Synergien zu schaffen. Man kann sich leicht vorstellen, worauf die Bestrebungen der beauftragten Institution mit ihrem hochtrabenden Namen unter der Leitung des Fusionsverkäufers Dr. Reto Steiner hinaus läuft. Wie der biblische Simon Petrus nach einem unerwartet grossen Fischfang wurde diplomatische Pragmatiker Steiner zum Menschenfischer (Gemeindefischer) berufen.
 
Ins Netz gehen?
Soweit meine höchst tendenziöse Berichterstattung. In den Tiefen der Bibersteiner Schulanlage tönte es viel weniger dramatisch. Stadtpräsidentin Urech war auf Konsens eingestellt, kennt sich in demokratischen Sitten und Gebräuchen selbstverständlich aus … man könne immer noch Ja oder Nein sagen, tröstete sie.
 
In der Diskussion hatte ich eine gewisse Abneigung gegen Netze erkennen lassen. Denn ein Einkaufsnetz braucht man schliesslich, um etwas einzusammeln, das darin heimgetragen wird. Die Fischernetze ihrerseits setzt man zum Einfangen von Fischen ein, die so ihrer Freiheit beraubt und von Menschen gefressen werden. Die Redensart „Jemand ins Netz locken“ bedeutet, ihn mit falschen Versprechen zu verführen. Dabei kann es auch vorkommen, dass einer in die eigene Schlinge geht … nach einer französischen Redensart („être pris à son propre piège“), besonders wenn man ohne Netz und doppelten Boden arbeitet. Dass man sich in einem Netz verhaspeln kann, zeigen die von Frau Urech verteilten Schreibkarten mit der Fotografie eines Fischernetzknäuels mit Schwimmkörpern neben dem Bug eines Fischerboots am Ufer von Sardinien. Ferienstimmung.
 
Insgesamt verlief der Abend in schönster Harmonie, auch wenn im Bibersteiner Leitbild steht, dass man unabhängig bleiben wolle. Gefragt sind im Moment freundnachbarliche Beziehungen, wie sie tatsächlich bereits bestehen. Markus Siegrist, Vorstandsmitglied, wies auf die ausgesprochen grosszügige Unterstützung sportlicher und kultureller Anstrengungen der Metropole Aarau durch Biberstein hin. Und mit Augenzwinkern sagte er, auf unterschwellige Fusionsbestrebungen anspielend, die Stadtpräsidentin Jolanda Urech sei deshalb etwas gefährlich, weil sie ihren Charme habe.
 
Beim kulinarischen Teil erfuhr ich aus 2. Hand von einem angeblichen Zitat des abwesenden Gemeindeammanns Peter Frei. Sinngemäss soll er einmal gesagt haben, Biberstein werde einfach zuwarten, bis die übrigen Gemeinden der Region mit Aarau fusioniert hätten. Dann werde Biberstein Aarau eingemeinden.
 
Ja, Biberstein hat ein Schloss, Aarau bloss ein Schlössli; die Proportionen wären so gewahrt. Aber dennoch würde ich persönlich etwas wählerischer sein …
 
 
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